Vorwort des Rotkreuz-Präsidenten
Es gibt neue Bedürfnisse von Menschen in Not, neue geopolitische Spannungen, die in grausame unmenschliche Auseinandersetzungen münden. An die Bilder der Gewalt aus der Ukraine haben wir uns scheinbar schon gewöhnt. Auch daran, dass Tausende von Unschuldigen ihr Leben lassen müssen.
Wir versuchen zu helfen, wo wir helfen können. Aber es bleibt das Unbehagen, dass wir die schrecklichste aller menschlichen Taten, das gegenseitige Abschlachten, nicht verhindern können.
Doch es gibt noch weitere Quellen für ein tiefgreifendes Unbehagen. Wir stehen an der Schwelle neuer technologischer Möglichkeiten mit unbegrenzten Chancen, aber auch Risken. Wir können kaum ermessen, welcher Wandel uns zum Beispiel durch Künstliche Intelligenz bevorsteht. Ich glaube, die Veränderungen in den nächsten 10 Jahren werden gewaltiger sein als in den letzten 100 Jahren. Als humanitäres Radar unserer Gesellschaft müssen wir sie mitgestalten.
Der Klimawandel ist längst eine Klimakrise, die Veränderungen der Demografie und die nicht so geringe Inflation treffen nicht nur die Randschichten der Bevölkerung. Manche Säule des Sozialstaates beginnt sich unter dem Druck zu verbiegen. Können wir uns auf den Standpunkt des Sanitäters zurückziehen, der nur Wunden verbindet? Ich glaube, wir müssen Wunden noch viel stärker vemeiden. Dafür müssen wir auch an der Stimmung in unserer Organisation und im Land arbeiten. Probleme benennen ist wichtig, aber auch, dafür Lösungen anzubieten.
Im neuen Buch des britischen Historikers Timothy Garton Ash steht der schöne Satz: „Europa ist, wo man auch im Ausland zu Hause ist.“ Das kann man genauso über das Rote Kreuz sagen. Wir sind 191 nationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften weltweit. Unser Einsatz kennt keine Grenzen. Wir sind da, um zu helfen.
Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes