KRISEN UND KONFLIKTE
Das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) ist Teil der globalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung, die in 191 Ländern aktiv ist. Bei Katastrophen sind die nationalen Gesellschaften oft die ersten vor Ort. Bei Bedarf an internationaler Unterstützung kann über etablierte Mechanismen der Bewegung schnell und koordiniert zusätzliche Hilfe angefordert werden. Diese Struktur stellt sicher, dass wir effektiv und effizient helfen können.
ERDBEBEN IN DER TÜRKEI UND IN SYRIEN
Am 6. Februar 2023 ereignet sich in der Türkei um 4:17 Uhr ein Erdbeben der Stärke 7,7. Ein weiteres Erdbeben der Stärke 7,6 folgt am nächsten Tag um 13:24 Uhr in derselben Region. Die am stärksten betroffenen Regionen sind Adıyaman, Hatay, Kahramanmaraş, Gaziantep und Malatya. Unzählige weitere Nachbeben wurden registriert.
Insgesamt sind in der Türkei 11 Provinzen und 9,1 Millionen Menschen direkt betroffen. Bis zu drei Millionen Menschen werden obdachlos. Mehr als 50.000 Menschen sterben und mehr als 100.000 werden durch das Erdbeben verletzt.
Die Erdbeben haben auch enorme Auswirkungen auf Syrien, insbesondere auf den Nordwesten des Landes. Damit ist ein Land und eine Region betroffen, die seit mehr als 12 Jahren von einem bewaffneten Konflikt gezeichnet ist. Bereits vor dem Erdbeben waren allein im Nordwesten Syriens vier Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast 6.000 Menschen starben durch das Erdbeben, mehr als 11.000 Menschen wurden verletzt. Der Syrisch-Arabische Rote Halbmond schätzt, dass mehr als acht Millionen Menschen von den Erdbeben betroffen sind.
Menschen mit Rotkreuz/Rothalbmond-Hilfe erreicht
Das ÖRK konnte dank der vielen Spenden Hilfsgüter im Wert von mehreren Millionen Euro finanzieren und Expert:innen in das Gebiet entsenden. Aufgrund der langfristigen Präsenz des ÖRK in Syrien wurden in Folge des Erdbebens bilaterale Projekte mit dem Syrisch-Arabischen Roten Halbmond (SARC) umgesetzt, aber auch Unterstützung an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zugesagt. In der Türkei hat das ÖRK hauptsächlich über die internationalen Mechanismen der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften im Bereich Wasser- und Siedlungshygiene (WASH) sowie Bargeldhilfe unterstützt.
Die Situation in den betroffenen Regionen ist nach wie vor schwierig. Viele Menschen leben noch immer in Notunterkünften, die zerstörte Infrastruktur ist noch nicht wiederhergestellt. Die Hilfsprojekte des ÖRK werden auch 2024 fortgesetzt.
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ERDBEBEN IN MAROKKO
Am 8. September 2023 erschüttert um 23 Uhr Ortszeit ein Erdbeben der Stärke 6,8 mit Epizentrum im Hohen Atlas, 71 km südwestlich von Marrakesch, Marokko. Zahlreiche Gebäude stürzten ein, etwa 3.000 Menschen kamen ums Leben und Tausende wurden verletzt.
Bis heute leben viele der Betroffenen noch immer in Notunterkünften und Zelten. Das ÖRK hat nach dem Erdbeben einen WASH-Experten entsandt und über die internationalen Mechanismen der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften unterstützt.
Der Marokkanische Rote Halbmond ist nach wie vor im Einsatz, um Unterkünfte zu isolieren, Wasser- und Sanitäranlagen einzurichten sowie Gesundheitsdienstleistungen und Lebensmittel bereitzustellen.
ÜBERSCHWEMMUNGEN IN LIBYEN
Nur zwei Tage später, am 10. September, fegte Sturm Daniel über den Osten Libyens hinweg, gefolgt von heftigen Regenfällen. Insbesondere die Stadt Derna ist betroffen, in der nach dem Einsturz zweier Staudämme mehr als 4.000 Menschen ums Leben kamen und mehr als 8.000 Menschen noch zu Jahresende als vermisst gelten. Rund 44.000 Menschen wurden obdachlos.
Der Libysche Rote Halbmond versorgt die Bevölkerung mit den Notwendigsten wie Unterkünften, Nahrung, Medikamenten und Hygiene-Maßnahmen. Das ÖRK hat finanzielle Mittel zur Beschaffung von Hilfsgütern an die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften zugesagt. Die langfristige Hilfe umfasst unter anderem Bargeldunterstützung, den Wiederaufbau des Wasser- und Abwassersystems, Familienzusammenführung sowie psychosoziale Unterstützung.
ERDBEBEN IN AFGHANISTAN
Am 7. Oktober erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,3 das Gebiet westlich von Herat, Afghanistan. Zwölf Dörfer wurden schwer getroffen, mit mindestens 2.500 Todesopfern. Nur vier Tage später folgte ein weiteres starkes Beben, das die ohnehin betroffenen Menschen weiter in Not brachte.
Das ÖRK unterstützt den Afghanischen Roten Halbmond bereits seit Jahren – unter anderem mit Nahrungsmitteln, Wasser- und Hygieneversorgung, aber auch mit der Unterstützung von Wohlfahrtszentren für Frauen und dem Betrieb mobiler Gesundheitsteams. Die mobilen Gesundheitsteams haben unmittelbar nach dem Erdbeben die betroffene Bevölkerung versorgt.
ISRAEL UND DIE BESETZTEN GEBIETE
Nach dem Angriff in Israel am 7. Oktober 2023 hat sich der jahrzehntelange Konflikt zwischen Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten verschärft. Die humanitäre Lage in Gaza ist katastrophal. Die Feindseligkeiten finden in dicht besiedelten Gebieten, auch in der Nähe von Krankenhäusern, statt und gefährden das Leben des medizinischen Personals, der Patient:innen und der Zivilbevölkerung. Zehntausende wurden getötet und verletzt.
Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mit Jahresende 2023 mehr als 85 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen vertrieben, darunter 1,5 Millionen Menschen in Rafah, wo die zunehmenden Luftangriffe Anlass zu großer Sorge geben. Männer, Frauen und Kinder laufen Dutzende von Kilometern, vorbei an Leichen, die auf den Straßen liegen, und ohne das Nötigste wie Nahrung und Wasser. Tausende von Menschen sind unter den Trümmern begraben und können nicht erreicht werden, um sie zu evakuieren oder zu bestatten. Viele siedeln sich entlang der Straßen und in unzureichenden Unterkünften an. Trinkwasser ist Mangelware, das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen und Hilfsgüter erreichen die Betroffenen nur spärlich. Die Situation stellt auch die humanitären Helfer:innen vor nie dagewesene Herausforderungen. Mehr als 130 Geiseln befinden sich auch Anfang 2024 noch in Gaza. Im Westjordanland spitzt sich die Lage weiter zu.
"Selbst der Krieg hat Regeln. Das Humanitäre Völkerrecht verpflichtet Konfliktparteien dazu, sowohl die Zivilbevölkerung als auch humanitäres Personal zu schützen und lebensnotwendige Grundbedürfnisse zu decken."
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Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer mahnt seit Beginn des Konfliktes zur Einhaltung des Humanitären Völkerrechts, das neben dem ungehinderten Zugang und Schutz humanitärer Helfer:innen sowie der Zivilbevölkerung ein Verbot von Geiselnahmen vorsieht.
Eine große Herausforderung bleibt der eingeschränkte Zugang zur betroffenen Bevölkerung für humanitäre Akteure sowie die Missachtung der anerkannten Schutzzeichen des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds. Der begrenzte Raum für humanitäre Akteur:innen wirkt sich auf die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung aus.
Der Palästinensische Rote Halbmond (PRCS) und das IKRK arbeiten mit Unterstützung der gesamten Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung Tag und Nacht, um humanitäre Hilfe zu leisten. Die Hilfe der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung vor Ort umfasst unter anderem medizinische Versorgung, Rettungsdienste, Medikamentenlieferungen, den Einsatz von chirurgischen Teams, psychologische Unterstützung sowie Bargeldhilfe und die Verteilung von Hilfsgütern. Der Konflikt hat sich auch auf andere Nachbarländer ausgeweitet. Die Nationalen Gesellschaften im Libanon, Jordanien, Syrien und Ägypten reagieren darauf. Insbesondere dem Ägyptischen Roten Halbmond (ERC) kommt eine zentrale Rolle in der Bereitstellung von Hilfsgütern für Gaza zu. Dieser koordiniert alle Hilfsgüterlieferungen, die über Ägypten Gaza erreichen. Das ÖRK unterstützt die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung finanziell und personell.